• Was ist “Medienkompetenz?

    Allenthalben wird Medienkompetenz gefordert, wenn es darum geht, welche Antwort unsere Gesellschaft auf das Mitmach-Web, das Social Web bereithalten muss. Allein, was versteckt sich hinter dem Begriff “Medienkompetenz”? Dieter Baacke definierte in den 1990er Jahren vier  Dimensionen der Medeinkompetenz: Medienkritik, Medienkunde, Mediennutzung und Mediengestaltung. Sie sind grundsätzlich auch auf das Mitmach-Web (Web 2.0) anwendbar. Es erscheint es mir dennoch geboten, Baackes theoretische Definition in die Social Media-Welt zu übertagen. Ein Versuch:

    Mediennutzung / Medienkunde

    Neben die bekannten Massenmedien wie Zeitungen, Fernsehen und Radio sind die sog. Sozialen Medien wie Facebook, Blogs und Foren getreten. Social Media unterscheiden sich im Konkreten für den Einzelnen auf den ersten Blick nicht von Massenmedien, obwohl sie einen deutlich anderen Zweck erfüllen: Während Spiegel, Süddeutsche und Co. in erster Linie zur Information und Massenunterhaltung da sind, dienen Soziale Medien vor allem dem Beziehungsaufbau untereinander (vgl. auch Schulz von Thun: Vier Seiten einer Nachricht).
    Diesen Unterschied in der Mediennutzung gilt es, im Alltag zu verstehen und entsprechend zu würdigen.

    Medienkritik

    Durch die zunehmende Ent-Professionalisierung der Medienerstellung, d.h. dadurch, dass es zunehmend einfacher wird, Inhalte zu erstellen und zu verbreiten (vgl. Clay Shirky: “First publish, then filter“), wird nicht nur die Fähigkeit immer wichtiger, Relevantes vom Unwichtigem zu unterscheiden, wie es der Herausgeber der F.A.Z., Frank Schirrmacher in seinem Buch Payback fordert. Es wird auch wichtiger, bei jedem Text (oder sonstigem Medieninhalt), die Motive des Autors oder der Autorin zu hinterfragen. Warum trifft jemand diese Aussage und keine andere? Was könnte ihn oder sie dazu bewogen haben, seine oder ihre Meinung derart darzustellen? Zwar ist es auch bei professionellen Massenmedien wichtig, die Interessen des Autors bzw. des Verlages zu hinterfragen. Bei Blogs, Foren und Facebook stehen aber die persönlichen Meinungen der Betreiber unter Umständen mehr im Mittelpunkt. Nur nicht immer ganz so deutlich.
    Dies gilt es, sich ständig im Social Web zu vergegenwärtigen.

    Mediengestaltung

    Es muss nicht jeder einen Podcast aufnehmen können. Und seit es kleine Videokameras für die Westentasche gibt (mit immer noch so technischen klingenden Namen wie Zi8) braucht man auch kein Wochenendseminar mehr, um ein Filmchen zu drehen, zu schneiden und auf YouTube hochzuladen. Während von technikfernen Pädagogen Schulungen und Lehrgänge zum richtigen Umgang mit Tastatur und Maus gefordert werden, sollte Mediengestaltung als Element von Medienkompetenz mehr verstanden werden als Denkschule, wie Inhalte inhaltlich aufbereitet werden: Wie erzählt man eine Geschichte? Wie nimmt man ggf. einen neutralen Blickwinkel ein? Wie lässt man gegenteilige Meinungen zu Wort kommen? Das sind Elemente, die man aus der Journalistenausbildung übernehmen könnte.

    Was ist Ihre Meinung? Was gehört für Sie zu Medienkompetenz dazu? Ich freue mich auf Ihre Kommentare.

  • 21 Reaktionen

    Kommentare


    1. 8. Februar 2010

      Den Satz ‘Zwar ist es auch bei professionellen Massenmedien wichtig, die Interessen des Autors bzw. des Verlages zu hinterfragen.’ halte ich hinsichtlich des Einflusses der ‘professionellen’ Massenmedien für sehr verharmlosend. Der überwiegende Teil der Zuschauer bei ‘Tageschau’ und ‘Heute’ halten diese Nachrichten doch für objektive Berichterstattung, obwohl doch immer der Versuch der ‘Meinungsgestaltung’ dahintersteckt. Man vergleiche nur die Berichterstattung beider Nachrichtensendungen zu ein und demselben Thema/Ereignis. Dagegen haben Blogger – abgesehen von bestimmten Themen wie Reputationsverluste von Unternehmen und ähnlichem – doch verhältnismäßig wenig Einfluss z. B. auf die politische Meinungsbildung.

      (Antworten)


    2. 8. Februar 2010

      Auffallend war für mich die Tatsache, dass Lehrer und Pädagogen ein gehöriges Mehr an Medienkompetenz nötig haben als ihre Schüler. Diese sind ihnen nicht nur in der Content Creation weit voraus, sondern gerade beim Bewerten der 2.0 Inhalte.
      Die klassischen Pädagogen müssen sich dringend von ihrer Bewahrhaltung verabschieden und anfangen, sich selbst Medienkompetenz anzueignen, bevor sie sich anmaßen, jene ihren “Schützlingen” näherzubringen.

      (Antworten)

      Herbert Peck
      () antwortete am Februar 8th, 2010 :

      >>Diese sind ihnen nicht nur in der Content Creation weit voraus, sondern gerade beim Bewerten der 2.0 Inhalte.<< Ich bin mir nicht sicher, ob die Aussage *so* richtig ist. Es steht außer Frage, dass Jugendliche sich heute mit großer Selbstverständlichkeit im Netz bewegen. Doch was tun sie dort? ICQ, Youtube, Musikplattformen und WKW sind wohl *die* Anlaufstellen im Netz. Dort wird natürlich auch 'Content' geschaffen. Aber welcher und für wen? Bloggen? Fehlanzeige. Twittern? Fehlanzeige. Ich denke, dass der Umgang Jugendlicher mit dem Netz eher konsumlastig ist.

      (Antworten)


    3. 8. Februar 2010

      Meiner Meinung nach gehört heutzutage auch das Wissen über Datenschutz und Datensicherheit zur Medienkompetenz. Entscheidend scheint es mir dabei, zumindest ein grundlegendes Bewusstsein für die Problematik aufzubauen (Stichwort: Online Reputation). “Untergangsstimmung” und Schwarzmalerei scheinen mir auf Grund der Vorteile und neuen Möglichkeiten, die das Social Web bietet, ebenso unangebracht wie ein totales Ausblenden solcher Fragestellungen. In einem Lehrplan, der sich verantwortungsvoll dem Thema Medienkompetenz annimmt, müssen Fragen des Datenschutzes und der Verwendung von Informationen jedoch eine feste Rolle spielen.

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    4. 8. Februar 2010

      Ach so, ansonsten finde ich auch, dass das eine sehr spannende und wichtige Debatte ist.

      Ich glaube, Medienkompetenz braucht vor allem Kommunikationskompetenz, und die Bewusstheit darüber, dass es in sozialen Medien eine ÖFFENTLICHE Kommunikation ist – anders als in der gelernten “sozialen Kommunikation”. Das verändert vieles.

      Bei der Kommunikationskompetenz kann m.E.n. Thun eine große Rolle spielen, denn das, was Du in dem Abschnitt “Medienkritik” diskutierst, sind ja genau die anderen Ebenen. Ich hatte schon einmal ausfürhlicher zu dem Thema geschrieben, aus dem Blickwinkel der Authentizität: http://blog.talkabout.de/2009/02/28/anleitung-zu-authentischer-unternehmenskommunikation/

      Und ja, ich finde auch, dass man aus der Journalistenausbildung vieles übernehmen kann. Aber immer mit Vorsicht. Denn Authentizität und Meinung sind bei Journalisten (mit Ausnahmen) nicht gewünscht. Grade in der bewussten Unterscheidung zwischen Journalismus und Social Media Kommunikation besteht aber ein erhebliches Lernpotenzial.

      (Antworten)


    5. 8. Februar 2010

      Ach so, ansonsten finde ich auch, dass das eine sehr spannende und wichtige Debatte ist.

      Ich glaube, Medienkompetenz braucht vor allem Kommunikationskompetenz, und die Bewusstheit darüber, dass es in sozialen Medien eine ÖFFENTLICHE Kommunikation ist – anders als in der gelernten “sozialen Kommunikation”. Das verändert vieles.

      Bei der Kommunikationskompetenz kann m.E.n. Thun eine große Rolle spielen, denn das, was Du in dem Abschnitt “Medienkritik” diskutierst, sind ja genau die anderen Ebenen. Ich hatte schon einmal ausfürhlicher zu dem Thema geschrieben, aus dem Blickwinkel der Authentizität: http://blog.talkabout.de/2009/02/28/anleitung-zu-authentischer-unternehmenskommunikation/

      Dabei halte ich es auch für besonders wichtig, dass man lernt, was welches Medium leisten kann. Das hat auch sehr viel mit v. Thun zu tun. Denn die “4 Ohren”, wie sie v. Thun nennt, sind stark vom Kontext abhängig. Und in der, sagen wir mal: elektronischen Kommunikation geht viel von dem Kontext verloren. Jeder weiß das, wenn er versucht, emotional behaftete Debatten über E-Mail zu führen. Das meine ich, wenn ich die These aufstelle, dass Medienkompetenz vielfach Kommunikationskompetenz ist – spezifisch für das jeweilige Medium. Denn es geht ja nicht darum, Informationen zu “emittieren”, sondern bestimmte Effekte beim Gegenüber zu erzielen.

      Und ja, ich finde auch, dass man aus der Journalistenausbildung vieles übernehmen kann. Aber immer mit Vorsicht. Denn Authentizität und Meinung sind bei Journalisten (mit Ausnahmen) nicht gewünscht. Grade in der bewussten Unterscheidung zwischen Journalismus und Social Media Kommunikation besteht aber ein erhebliches Lernpotenzial.

      (Antworten)


    6. 9. Februar 2010

      Hallo Thomas,

      ich finde es sehr, sehr spannend, von Thun in Zusammenhang mit Medienkompetenz zu setzen. Deswegen auch ein etwas längerer Post.

      Allerdings finde ich es sehr gefährlich, Soziale Medien auf die Thun’sche *Beziehungsebene* zu reduzieren. Das wird weder Thun noch sozialen Medien gerecht. Auch die anderen drei Ebenen außer der Beziehungsebene spielen in sozialen Medien eine sehr große Rolle – ich meine sogar deutlich mehr als in der sonstigen Kommunikation. Und da liegt vielleicht sogar ein Schlüssel zur Medienkompetenz.

      Die Information wird ja immer transportiert, das ist klar. Und auch in sozialen Medien enthalten Informationen eine Appellfunktion, ich meine sogar relativ stärker und expliziter als in anderen Medien. Und last but not least enthalten auch Botschaften in sozialen Medien immer auch eine Selbstoffenbarung – und der kommt eine wichtige Bedeutung bei der Medienkompetenz zu. Eigentlich würde ich sogar sagen, dass in sozialen Medien die Beziehungsebene die vergleichsweise geringste Rolle spielt – denn sie bleibt abstrakt. Wenn ich mich ein einem Blog an potenziell “alle Internetnutzer” richte (und nicht wie in der 1:1 Kommunikation an einen bestimmten), dann ist die Botschaft auf der Beziehungsebene auch nur eine ganz abstrakte.

      Die drei Punkte außerhalb der Beziehungsebene sind aus meiner Sicht sogar genau die, die du im zweiten Absatz ansprichst. Ich hatte zu diesem Thema – allerdings unter dem Stichwort “Authentizität” auch schon einmal einen längeren Blogpost geschrieben. http://blog.talkabout.de/2009/02/28/anleitung-zu-authentischer-unternehmenskommunikation/

      Insofern könnte man aus meiner Sicht sogar sagen, dass Medienkompetenz bedeutet, sich jederzeit dieser vier (oder genauer: der zusätzlichen drei) Ebenen bewusst zu sein. Denn das besondere ist, dass “Social Media Kommunikation” immer *öffentliche* Kommunikation ist.

      Ich meine, insbesondere der Bewusstheit über die Selbstoffenbarung kommt eine große Bedeutung zu. Denn Social Media bedeutet auch eine deutlich größere Reichweite, als durch die Kommunikation, die wir gewohnt sind. Das entspricht ja auch der Bill Cosby Anekdote mit dem Kokain (“it intensifys your personality”). Wer sich also in sozialen Medien stark mitteilt, “offenbart sich immer auch der Welt”. Mit anderen Worten: Wenn man ein Trottel ist, offenbart man das auch der ganzen Welt. Da liegt eine große Gefahr drinnen.

      Es hilft aber auch, sich selbst beim Lesen von “Social Media Beiträgen” zu überprüfen. Denn die “4 Ebenen” gelten ja nicht nur beim Senden, sondern auch beim hören. Wie Thun ja schön beschreibt, reagieren die Menschen ja selten auf die Informationsebene, sondern eher auf die anderen Ebenen. Wer “medienkompetent” ist, weiß, dass das überwiegend seine eigenen Interpretationen sind. Denn das ist das nächste Problem von Social Media: Oft geht der Kontext verloren, den wir im normalen Leben haben, und der uns sonst hilft, diese Interpretationen präziser vorzunehmen.

      Und dann würde ich noch ergänzen, dass zu Medienkompetenz noch gehört, dass man weiß, was das Medium leisten kann und was nicht. Jeder, der schon einmal versucht hat, emotionale Themen über E-Mail zu klären, kann das gut nachvollziehen.

      Auch die Idee, aus der Journalisten-Ausbildung Prinzipien heranzuziehen finde ich spannend, glaube aber, dass man die eher zu *Abgrenzung* nutzen sollte. Das typische an Social Media ist ja grade, *Meinung* zu transportieren. Das soll im Journalismus (außer in ganz wenige Formaten) grade vermieden werden.

      Und, kleiner Scherz am Rande, es gibt auch Westentaschen-Pocket-Videokameras, die keinen “technischen Namen” wie Zi8 haben. Nämlich die Flip :-)

      Beste Grüße

      Mirko

      (Antworten)


    7. 10. Februar 2010

      Großer, noch verkannter, Teil der Medienkompetenz ist in meinen Augen tatsächlich die Kreation eigener Inhalte. Neben dem verantwortungsvollen Konsum von “Spielzeugmedien” wie facebook, geht es darum, einen sinnstiftenden Beitrag in kollaborativen Arbeitsumgebungen beitragen zu können.

      Google kam grad mit Buzz und Wave auf den Markt. Warum hat sich Wave noch nicht durchgesetzt? Weil offensichtlich die Kompetenz fehlt, so ein Tool zu verwenden.

      Auch dazu gehört, den Content anderer zu verstehen und weiterzudenken. Ich habe vor Kurzem dazu schon einen Artikel verfasst und erlaube mir mal, darauf zu verlinken.

      (Antworten)


    8. 10. Februar 2010

      Hier werden wirklich nur die besten Beitraege freigeschaltet

      (Antworten)

      Thomas Pfeiffer antwortete am Februar 10th, 2010 :

      Hallo Justin,

      was meinst Du damit?

      (Antworten)


    9. 12. Februar 2010

      @Mirko: wenn ich schreibe “vor allem” heisst das nicht “ausschließlich” und mit “vgl.” meine ich “Vergleiche”, also nur eine Annäherung, eine Inspiration.

      (Antworten)


    10. 18. Februar 2010

      Genau wie Hannes meine ich auch, dass die Produktion von Medieninhalten einen großen Teil ausmachen werden. Mit dem Mehr an Medieninhalten wird auch immer öfter die Fähigkeit der Medien-Selektion und -Kombination gefragt sein. Dieser Aspekt kommt bei Baacke vielleicht nicht eindeutig genug heraus, auch wenn er als “Medienkritik” implizit vorhanden ist. Als Ergänzung und Erweiterung kann ich daher “Groeben, Norbert: Dimensionen der Medienkompetenz. Deskriptive und normative Aspekte, in: N. Groeben und B. Hurrelmann (Hg.), Medienkompetenz. Vorraussetzungen, Dimensionen, Funktionen., Weinheim 2002, S. 160-197.” empfehlen.

      (Antworten)


    11. 19. Februar 2010

      Hallo.
      Das Thema Medienkompetenz halte ich auch für die Kernherausforderung im Blick auf social media. Wenn sich relevante Teile der Kommunikation vom realen in den virtuellen Raum verschieben, dann ist es für das soziale Gleichgewicht unabdingbar, dass alle in der Gesellschaft kompetent mit den relevanten Medien umgehen können. Da wir viele Studien zu diesem Thema machen, auch an Personen mit Migrationshintergrund, sehen wir immer wieder, dass dies derzeit überhaupt nicht gewährleistet ist.

      Als Modell halte ich es übrigens sinnvoll, Theunert heranzuziehen. Seine Dimensionen müssen nicht auf Web2 .0 übertragen werden, sondern greifen für diese Medienausprägung ganz gut. siehe http://www.result-blog.de. http://www.result.de/spotlight/blogeintrag-3/

      (Antworten)


    12. 20. Februar 2010

      Eine Diskussion macht die Runde:

      Es geht nicht nur um Mediekompetenz, die meines Erachtens trivial ist und einfach zu erlernen. Es geht um Kommunikations- und Kanalkompetenz. Es geht schließlich um Web 2.0!
      Mehr unter:
      http://clemensweins.de/blog/?p=802

      (Antworten)

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