• Google trägt Verantwortung

    Wer bei Google die Buchstaben “bet” eintippt, dem schlägt die Suchmaschine die Worte “b e t t i n a   w u l f f   p r o s t i t u i e r t e” (anders geschrieben, um den Effekt nicht weiter zu verstärken) vor. Zweifelsohne wurde und wird die ehemalige First Lady Opfer einer Rufmordkampagne, deren Anfänge wohl auf die niedersächsische CDU selbst zurückgehen. Aus netzpolitischer Sicht stellt sich die Frage nach der Mitverantwortung von Googles Auto-Suggest-Funktion an den Folgen dieser Kampagne.

    Wer behauptet, Frau W. sei eine Prostituierte, kann sich nicht auf die Meinungsfreiheit berufen. Frau Wulff ist keine und war nie eine. Wer das sagt, stellt eine unwahre Tatsachenbehauptung auf. Weil diese ehrverletzend ist, stellt sie eine Schmähkritik dar und ist deshalb zu Recht verboten. Das ist gut so.

    Google Auto-Suggest: Des einen Freud, des Anderen Leid.

    Telemediendienste wie Google und auch Facebook berufen sich gerne –  in abgewandelter Form – auf den Journalisten Hanns Joachim Friedrichs, der forderte: Mach Dich nie gemein mit einer Sache, auch nicht mit einer guten! Die Vervollständigungsfunktion von Google würde ja nur die Wirklichkeit abbilden, wie sie ist. Gleichzeitig, und das verschweigt man gerne, formt Google die Wirklichkeit durch das eigene Handeln, nach dem Matthäus-Effekt, der salopp gesagt, lautet: “Wer hat, dem wird gegeben”: Die Tatsache, dass AutoSuggest “bettina w. prostituierte” überhaupt erst vorschlägt, lenkt den Blick von vielen erst auf dieses Thema. Barbara Streisand weiß ein Lied davon zu singen. Google bildet die Wahrheit nicht nur ab, sondern formt sie entscheidend mit.

    Google behauptet zwar nicht, Frau W. hätte sich prostituiert, es sagt lediglich, dass viele danach suchen. Das ist keine unwahre Tatsachenbehauptung, sondern entspricht der Wahrheit, und die ist grundsätzlich nicht rechtswidrig. Es wäre auch nicht richtig, wollte man SpiegelOnline, der Süddeutschen oder der von mir geschätzten taz die Berichterstattung darüber verbieten, dass dieses Gerücht umgeht. Bettina Wulff spricht das Thema in ihrem Buch und in mehreren Interviews persönlich an.

    Gleichwohl gelten bei journalistischen Medien gewisse Fairness-Regeln und der deutsche Presserat achtet auf ihre Einhaltung. Nicht jedes Medium hält sich daran, weshalb es Dienste wie Bildblog braucht. Aber genau dessen Existenz zeigt auch, dass einem Mediendienst eine Verantwortung für die publizierten Inhalte obliegt. Gerade dann, wenn man einen Markt zu über 90% beherrscht, ist die Verantwortung besonders groß.

    Google muss den Auto-Suggest-Algorithmus veröffentlichen

    Google sollte in meinen Augen öffentlich darlegen, nach welchen konkreten Mechanismen Auto-Suggest funktioniert. Nur so können sich die Menschen ein Bild davon machen, auf welchen Grundlagen diese Inhalte erzeugt werden, das gebieten die journalistischen Fairness-Regeln. Anders als die Suchergebnisse ist Auto-Suggest eine Information, die Google selbst erzeugt und nicht nur weiterreicht. Google hat deshalb eine besondere Verantwortung.

    Ich glaube an einen mündigen Bürger (und mündige Bürgerinnen), denen die Aufgabe obliegt, sich selbst ein Bild zu machen und hinter eine Nachricht blicken. Dazu gehört auch, die Funktionsweise von Google Auto-Suggest zu verstehen und unterscheiden zu können zwischen “Frau W. ist eine Prostituierte” und viele Menschen reden über dieses Thema. Beides sind zwei verschiedene Paar Stiefel. Erst die Kenntnis des genauen Algorithmus versetzt die Menschen in die Lage, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen.

    Wir springen aber zu kurz, wenn wir die Verantwortung komplett auf die Menschen abwälzen wollten. Irgendetwas bleibt immer hängen. Wer eine solch zentrale Rolle in der deutschen Medienlandschaft  wie Google spielt, hat auch eine besondere Verantwortung. Und es gilt in meinen Augen auch zu prüfen, inwiefern hier ein Unterlassungsanspruch gegenüber Google besteht (das OLG München hat das erst vor Kurzem in einem anderen Fall (!) verneint) oder bestehen sollte.

    Letzteres ist eine gesellschaftspolitische Frage, die wir beantworten werden müssen.

    Anmerkung:
    Ich halte es nicht für grundsätzlich ehrenrührig, als Sexarbeiterin oder Sexarbeiter zu arbeiten. Außerdem wird in solchen Debatten zu selten die Rolle der Freier thematisiert. Frauen dürfen niemals nur als Mittel zum Zweck benutzt werden, sondern müssen jederzeit zugleich als Zweck an sich gesehen werden (frei nach dem „Kategorischen Imprativ” des Philosophen Immanuael Kant).

  • 3 Reaktionen

    Kommentare


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      17. September 2012

      Durch die Autovervollständigung behauptet Google doch nicht, BW sei eine Prostituierte. Führt man die Suche durch wird man lauter Artikel finden in denen erklärt wird daß das Gerücht falsch ist. Was ist daran so schlimm?

      (Antworten)


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      17. September 2012

      Bettina Wulff trägt Verantwortung.

      M.E.n. hat Frau Wulff mit Ihrer Klage einem Gerücht großen Raum gegeben, einem Gerücht, welches bis vor einer Woche noch nicht zu so vielen Menschen durchgedrungen war, um eine Medienkampagne für ihr Buch zu lancieren.

      Das hat auch erst einmal gut geklappt.

      Viele erste Seiten der klassischen Printmedien, Leitartikel – und bei Google News ganz oben. Die Presse hat mitgespielt und eine Medienkampagne ins “Redaktionelle” verfrachtet. Was kann frau besseres passieren. Darauf wurden 3! Exclusiv-Interviews (in sich schon ein Paradox) gesetzt und Ankündigungen zahlreicher Fernsehauftritte. – Die klassischen Medien haben das Spiel mitgespielt.

      Ich denke, wie die Suchmaschine von google funktioniert war Frau Wulff als Marketingexpertin bekannt – und auch, was die große und erwünschte Öffentlichkeit Ihrer Klagen gegen Google und Jauch nach sich ziehen wird (in punkto auf die Suchmaschinenergebnisse)

      Mit was Frau Wulff (wahrscheinlich) nicht gerechnet hat, das war die Uneinschätzbarkeit der Netzgemeinde.

      Und das beruhigt mich. Das es nicht mehr möglich ist die klassischen Medien strategisch für eine Medienkampagne einzuspannen die dann auch noch einen auf “redaktionell” machen – sondern, dass es diese “Uneinschätzbarkeit” heute gibt.

      Beste Grüße. Tanja Ries.

      (Antworten)


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      20. September 2012

      Das ist viel zu lächerlich, was da abgezogen wird. Die Suchabfragen, die mit Autocorrect vervollständigt werden, sind die Suchanfragen, die die meisten Benutzer eingeben. Durch diesen Medienrummel wird dieser Autocorrect noch lange ganz oben auf der Liste bleiben.

      An ihrer Stelle würde ich es einfach sein lassen. Inzwischen sollte ja jeder wissen, was sie dazu meint.

      (Antworten)

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